Alle Antworten sind persönliche Einschätzungen des Gesprächspartners und dürfen nicht als offizielle Stellungnahme seines Arbeitgebers verstanden werden.

Als Senior Partner bei Bain hat Axel Erhard eine besonders aufschlussreiche und analytische Perspektive, um einzuschätzen, was im Zeitalter von KI in den kommenden Jahren auf Unternehmen zukommen könnte – worauf wir uns freuen dürfen und was wir mit kritischem Blick im Auge behalten sollten.


Kurzfristige Veränderungen durch KI

Frage: Welche Bereiche in Unternehmen sehen Sie durch KI kurzfristig am stärksten verändert – und wo wird sich die Rolle des Menschen langfristig trotz Automatisierung nicht so schnell ersetzen lassen?

Axel Erhard:
KI bringt nicht nur Effizienzgewinne im Sinne von „schneller und mit weniger Ressourcen“, sondern auch deutliche Effektivitätssteigerungen: Prozesse werden qualitativ besser.

Ein Beispiel ist die Kreditvergabe im Bankwesen: Während ein klassischer Prozess bei einer spanischen Geschäftsbank für Privatkunden mehrere Wochen bis Monate in Anspruch nahm und zahlreiche manuelle Prüfungen sowie hierarchische Genehmigungsschritte erforderte, konnte ein KI-gestütztes System die Bearbeitungszeit auf durchschnittlich 17 Minuten reduzieren.

Die Gewinne entstehen durch die analytischen Fähigkeiten von KI: konsistentere und objektivere Risikobewertungen, faktenbasierte Optimierungen und ein besseres Pricing, da Kreditnehmer unterschiedliche Risikoprofile aufweisen. „One price fits all“ ist nicht mehr zeitgemäß. Für Banken bedeutet dies: In der Fläche wird Personal abgebaut, während in den Zentralen mehr Fachkräfte gebraucht werden, um die KI-gestützten Systeme zu überwachen und kontinuierlich zu optimieren.


Langfristig unverzichtbare menschliche Rollen

Axel Erhard:
Es gibt Bereiche, die sich nicht so schnell automatisieren lassen: technologische Innovation muss weiterhin von Menschen gemanagt und weiterentwickelt werden. Berufe mit starkem menschlichem Aspekt – Betreuung, Erziehung, Gesundheit – bleiben unverzichtbar. Auch dort, wo physische Güter außerhalb hochautomatisierter Prozesse hergestellt werden, wird der Mensch weiterhin gebraucht.

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Von Hype zu nachhaltiger Wertschöpfung

Frage: Viele Unternehmen investieren aktuell in KI, oft aber eher aus einem „Hype-Gedanken“ heraus. Wie können Firmen sicherstellen, dass KI nicht nur kurzfristige Effizienzgewinne bringt, sondern langfristig Wert schafft?

Axel Erhard:
Der Hype führt häufig zu Experimenten ohne klare Zielsetzung. Doch KI darf nicht um ihrer selbst willen eingeführt werden – sie muss einer klaren Geschäftslogik folgen.

Da sich das Umfeld heute viel schneller verändert als früher, reicht eine statische 10-Jahres-Strategie nicht mehr aus. Unternehmen brauchen agile und adaptive Strategien. Erfolgreich sind diejenigen, die kleine, cloudbasierte Pilotprojekte starten, diese integrieren und so schrittweise ein ganzheitliches KI-Ökosystem aufbauen.


Die neue Rolle von Führungskräften

Frage: Wie verändert sich die Rolle von Führungskräften, wenn Entscheidungen zunehmend datengetrieben vorbereitet oder vorgeschlagen werden?

Axel Erhard:
Führungskräfte sollten künftig rund 80 % ihrer Zeit in Vision und Strategie investieren – und nur noch 20 % in operatives Management. KI liefert heute nahezu alle relevanten Informationen „on demand“, sodass die Rolle guter Führungskräfte stärker darin liegt, Richtung zu geben und Zukunftsbilder zu entwickeln.

ThinkBeyondAi | LinkedIn
ThinkBeyondAi | 3 followers on LinkedIn. thinkbeyondai: Midjourney-Mentalität – kritisch auf AI blicken, Berufe im Wandel verstehen, Zukunft denken. | thinkbeyondai ist eine Plattform für Reflexion, Analyse und Debatte im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz. Wir beleuchten, wie AI Berufe, Karrieren und ganze Branchen verändert – von der Anwaltskanzlei über die Unternehmensberatung bis hin zu M&A und Corporate Finance. Kern unseres Ansatzes ist die Midjourney-Mentalität: eine kritische Haltung gegenüber oberflächlicher AI-Nutzung.


Jobverluste oder neue Rollen?

Frage: In vielen Branchen gibt es Sorgen um Jobverluste durch KI. Glauben Sie, dass KI eher Jobs vernichtet – oder neue Rollen entstehen lässt?

Axel Erhard:
Die zentrale Frage lautet: Welche Fähigkeiten werden langfristig gebraucht? Noch vor einigen Jahren war der „Software Engineer“ der Inbegriff des Zukunftsberufs – heute sprechen viele vom „Technology Engineer“. Entscheidend sind technologische Offenheit, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, neue Technologien schnell in Prozesse zu integrieren.

KI wird in nahezu allen Berufen eine Rolle spielen. Wer sie nicht annimmt, riskiert, abgehängt zu werden. Ein Beispiel: Selbst ein hochspezialisierter Neurochirurg wird mittelfristig schlechtere Behandlungsergebnisse erzielen, wenn er KI-gestützte Diagnosen ignoriert, die Tumore zuverlässiger erkennen.


Veränderungen in der Beratungsbranche

Frage: Wie verändert KI die Beratungsbranche selbst – insbesondere bei den Big Three?

Axel Erhard:
Unternehmensberatungen werden eine Schlüsselrolle dabei spielen, Klienten beim Einsatz von KI zu begleiten und Wettbewerbsvorteile daraus zu entwickeln. Die klassische Pyramidenstruktur mit einer breiten Basis von Business Analysts wird jedoch erodieren: Einstiegsaufgaben wie Datenanalysen oder Due-Diligence-Prüfungen können durch KI schneller, präziser und objektiver erledigt werden.

Gleichzeitig entstehen neue Rollen: technikaffine Berater, die keine reinen Coder sind, aber verstehen, welche Möglichkeiten KI bietet und wie diese in spezifische Kundenlösungen übersetzt werden können. Vergleichbar mit früheren Wirtschaftsingenieuren, die Technik und Wirtschaftlichkeit verbunden haben, wird künftig eine neue Generation von „Tech-Savvy Consultants“ gebraucht, die Brücken schlagen zwischen Technologie und Business.


Kommentar: McKinsey als Vorbote des Wandels

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel aktuell bei McKinsey. Wie unter anderem das Wall Street Journal und die Financial Times berichten, hat die Firma in den letzten 18 Monaten mehr als zehn Prozent ihrer Belegschaft abgebaut – ein Trend, der eng mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz verbunden ist.

Interne KI-Tools wie „Lilli“ übernehmen inzwischen Aufgaben, die zuvor klassische Einstiegspositionen ausgefüllt haben – etwa Analysen, Recherchen oder die Erstellung von Präsentationen. Diese Entwicklung zeigt: Auch die großen Beratungen bleiben von den disruptiven Kräften der KI nicht verschont. Für die Branche bedeutet das einen Umbau der Strukturen – weg von der traditionellen Pyramide mit breiter Analystenbasis, hin zu schlankeren Modellen, in denen technologische Kompetenz und strategische Übersetzungsfähigkeit entscheidend sind. Ansetzen muss man dementsprechend schon in der Ausbildung, um trotz diesem Wandel zukünftig genug qualifiziertes Personal zu haben, und sich als unternehmen mit Dynamik dieser Herausforderung widmen zu können. Empfehlenswert sind Studiengänge oder Ausbildungen wie Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftsinformatik oder Data Science mit Management-Bezug sowie spezialisierte Programme in Digital Business, KI und Technologie-Management. Ergänzend dazu spielen Weiterbildungen in agiler Projektführung, Cloud-Technologien und KI-Anwendung eine Schlüsselrolle, um die nächste Generation von „Tech-Savvy Consultants“ auszubilden.

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